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Unbemerkte Agents sch├╝tzen digitale Produkte

Computer Zeitung - Nr. 50
14.12.2000

Die Phonoindustrie ist treibende Kraft für den Kopier- und Urheberrechtsschutz digitaler Erzeugnisse. Formatwandlungen stellen eine Herausforderung dar.

In den Anfängen sieht Dr. Jan Vorbrüggen von MediaSec Technologies, Essen, noch den Einsatz von Wasserzeichen zur eindeutigen Identifizierung digitaler Kopien. Wasserzeichen ermöglichen den Nachweis und die Verfolgung digitaler Produkte im Prozess der Weitergabe unerlaubter Verwertung. "Getrieben wird die Entwicklung vom Audiobereich", konstatiert Vorbrüggen. Mit 750000 Audiodateien, die allein bei Napster im Umlauf sind, rechnet Michael Arnold vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Darmstadt.

Wasserzeichen schützen Musik

Der Bundesverband der Phonographischen Industrie beziffert für 1999 - also noch vor dem Napster-Boom - den Umsatzverlust durch unerlaubte Musikdistribution per Internet auf 140 Millionen Mark.
Identifikation und Herkunftsanalyse eines Musikstücks sollten in beliebigen Kopien möglich sein. Als Verfahren bietet sich an, die Wiedererkennungsdaten zu verstecken, den ganzen Bitstrom zu markieren oder einem Musikstück ein unhörbares Rauschsignal hinzuzufügen. Dieses ist über viele Frequenzen verteilt und wird von geheimen Sequenzen erzeugt. Jan Vorbrüggen differenziert: "Wasserzeichen sind ein Copyright-Schutz und kein Kopierschutz." Ein solcher würde explizit die Vervielfältigung verhindern oder diese mit bestimmten Konditionen verbinden.
Die Zeit drängt. Dr. August Katern ist bei der Bertelsmann-Tochter BMG Storage Media für Sicherheitsmechanismen beim Audio on Demand zuständig. Seiner Einschätzung werden bereits in wenigen Jahren rund 25 bis 30 Prozent der Inhalte ausschließlich elektronisch verteilt. Zunehmend verdrängt der Online-Vertriebsweg die klassischen Datenträger CD-Audio, Videokassette und selbst DVD-ROM und DVD-Video. "Bei der Musik wird weltweit der Piratenanteil auf 36 Prozent geschätzt." In Europa liegt er allerdings nur bei 10 Prozent. "Die meisten Musikpiraten sitzen in China. Hier wird der Anteil auf über 90 Prozent angesetzt, gefolgt von Polen, Russland und Griechenland, wo er immerhin über 50 Prozent liegt", hat Katern festgestellt. Das Wasserzeichen ist, so der BMG-Experte ein serieller Schutz, das Fingerprint-Verfahren ein individueller. Ein Beispiel: Beim Kauf eines Musikstücks könnte das Produkt mit Merkmalen fest versehen werden, die für den Käufer charakteristisch sind. "Hat das Produkt diesen Fingerprint, wüssten wir so bei Missbrauch, bei Raubkopien, den Namen des Piraten", versichert Katern. "Es ist unser größtes Interesse, Piraten am schnellsten auf die Spur zu kommen."

Tonqualität ist trotzdem perfekt

Weil das menschliche Ohr äußerst sensibel ist, soll es allerdings weder durch Wasserzeichen noch durch Fingerprints zu Qualitätseinbußen beim Musikgenuss kommen. Außerdem fordert die Musikindustrie den erhalt von Kennzeichnungen auch über Formwandlungen hinweg. Das ist bei weitem nicht trivial: "Bis heute gibt es noch keine Lösung", versichert Katern. Bis dahin setzt BMG Storage Media auf ein Verfahren, das seinen Kern in der kostenlosen Verteilung einer Software hat, die man zum Abspielen von sogenannter Bertelsmann-Musik benötigt. Experimentiert wird beim Fraunhofer-IGD auch an der geschickten Manipulation des Ursprungs von Musik, den Noten. "Wir haben im Rahmen des EU-Projekts Wedelmusic diverse Verfahren zum Einbringen von Wasserzeichen in die Medientypen Texte und Partituren getestet", berichtet Martin Schmucker. Im Prinzip geht es dabei um kleine versteckte Markierungen, etwa geänderte Wort- oder Buchstabenabstände beziehungsweise Notenformen oder -linienabstände, anzubringen. Dies allerdings wiederum kann nur dem Schutz sozusagen analoger Ausgaben dienen: "Der von uns gewählte symbolische Ansatz, bei dem der Abstand zwischen einzelnen Linien, deren Dicke oder Winkel oder die Lage, Dicke, Länge, Winkel oder Form einzelner Symbole variiert wird, kommt vor allem beim Scannen oder klassischen Kopieren von Dokumenten zum Tragen", erläutert Schmucker. Das europäische Acts-Projekt Talisman steht für Tracing Author's Rights by Labeling Image Services and Monitoring Access Networks. Es versucht, einen Urheberrechtsschutz für digitale Videoströme bereitzustellen. Inhalte besitzen spezielle Beschreibungsdaten. Ein unsichtbares und robustes digitales Wasserzeichen wird in das Original eingebettet. Im Internet Wasserzeichen aufzuspüren, das stellt eine technische Herausforderung dar. Das Fraunhofer Center for Research in Computer Graphics Providence (CRCG), Rhode Island, hat den Wasserzeichen-Agent entwickelt. Er bewegt sich von Host zu Host fort und scannt die vorhandenen Dokumente nach vorgegebenen Wasserzeichen. "Er informiert uns, wenn er eines entdeckt", erläutert Dr. Jian Zhao. Dokumente mit aktiven Wasserzeichen melden sich selbst, sobald sie verwendet werden.